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ausnahmsweise



Über das Busfahren

Man könnte sowas ja für sich behalten, öffentliche Verkehrsmittel benutzen ist doch kein Thema, alle 5 Minuten hält die U-Bahn, Ihre Fahrkarten bitte, und fertig. Das könnte man tun, wenn, ja wenn man eben nicht in Coburg - Coburg ist eine Reise wert - leben würde. Oder zumindest wenn man dort nicht die Stadtbusse nutzen würde. Ihr kennt doch die Stadtbusse? Das sind diese großen Teile, vor denen eure Eltern immer auf den Bürgersteig flüchten müssen, und die früher immer so schön die Steingasse von den ganzen Schülern befreit haben. Gut, man soll nicht übertreiben, wahrscheinlich hat sich jeder von uns schon mal eine Fahrt in den Süc (Energie Und mehr., gell) Bussen gegönnt, den tollen Service und die große Freundlichkeit des Bedienpersonals genossen. Erwähnte ich gerade die Steingasse? Ja, das war damals, als die Busse noch fröhlich in anmutigen Schlangen um den Kerl mit dem Taubenschiss auf dem Kopf zirkulieren durften. Als sich die Busfahrer immer über die unvorsichtigen Fußgänger ärgerten, die da unnötigerweise zu Fuß unterwegs waren und als sie mit den Bratwürsten sozusagen direkt auf Tuchfühlung, oder Wurstfühlung gehen durften. Geht ja jetzt alles nicht mehr. So sind diese Zeiten! Und das finden dann auch noch welche gut!

 

Mit dem neuen Liniennetz wurde natürlich trotzdem alles besser, genauso wie es das kompetente Planungspersonal von Süc und Stadt souverän erarbeitet hatten, das war doch jedem vernünftig denkenden Menschen sofort klar! Nur mit dem aggressiven Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer konnte natürlich niemand rechnen. Dass außer den Stadtbussen um 7:30 noch jemand anderes auf der Oberen Anlage unterwegs sein könnte, das war ja nun nicht vorherzusehen. Und dass die auch nicht wie gewünscht verschwinden, wenn die neue Ampel auf rot schaltet, ist ja nun auch nicht grade die feine Art. Eigentlich hatte man da mit mehr Zusammenarbeit seitens der Coburger Automobilisten gerechnet, schließlich ließen die sich schon fast alle brav die Vorfahrt nehmen, und die meisten beherrschten auch den souveränen Tritt auf die Bremse bei gleichzeitigem Ausweichen auf den Bürgersteig. Nur hier wird anscheinend durch absichtliches Stauverursachen und Kinder-in-die-Schule-bringen Sabotage geübt. Die Welt wird halt immer unsozialer. Da kann der neue Fahrplan doch nichts dafür, wenn die Parkdisziplin nicht stimmt! Warum fahren die eigentlich nicht auch alle Bus? Also das hab ich nämlich auch schon gemacht, und ich muss schon sagen, das war gar nicht so schlecht, wie es diese bösen Zungen behaupten. Etwas verärgert nahm zwar beim ersten Mal der Busfahrer meine Bitte um eine 10er Karte auf (warum muss ich denn auch aus purer Bequemlichkeit meine 9 Euro fünfzig an dieser Haltstelle loswerden, wo ja gleich die Ampel rot werden könnte? Ich werde beim nächsten Mal daran denken). Tja, die Busfahrer, kennt ihr die? Ach, super. "Des sin die Leittrachenden von dem neia Fahplan" ließ eine erfahrene Mitfahrerin neulich verlauten. Also Busfahrer sind ja Künstler und Profi s zugleich. Zum Beispiel der eine, der seinen Raucherhusten so schön auf das Gaspedal überträgt, so in rhythmischen Schüben, ich will ihn hier mal auf Bernd taufen. Natürlich muss auch er damit rechnen, dass es da ignorante Leute gibt, die das gar nicht mögen. Deswegen lässt er immer nochmal kurz die Kupplung kommen wenn er anhält, das ruckt so schön, und die Rentner sind dann schneller draußen. Die Rentner, jaja, der demographische Faktor ist in den Bussen schon ein bisschen weiter. "Hamse scho gehört, dem [Name von der Redaktion entfernt] sei Sohn, der hat fei Grebbs!" - "Was, nee, dem [Name von der Redaktion entfernt] sei Sohn??" - "Ja! Ich habs ja a erst net glaubt, aber des hat die [Name von der Redaktion entfernt] neilich erzählt, beim Aldi hab ich die getroffa. Hamse scho gseh, dera gibts wedder Kartoffeln im Angebot..." Das muss man schon lieben lernen, wenn man häufi ger Bus fährt. Wo war ich? Ach ja, bei den Busfahrern. Ja einer ist mir noch aufgefallen, der überlegt immer kurz, bevor er jemandem die Vorfahrt nimmt. Beim Überlegen tritt er die Kupplung durch. Sobald er dann die Gewissheit hat, dass es dem öffentlichen Wohl dient, wenn er die Vorfahrt nimmt, quasi der Prozess der Entscheidungsfindung à la Religionsunterricht, also vom Naturrecht (des Busses), über das kirchliche, äh städtische Lehramt, bis zur Gewissensentscheidung (ja, ich tue das Richtige), und dann, dann lässt er die Kupplung ganz gefühlvoll wieder kommen. (Manchmal kommt auch noch der kategorische Imperativ von Kant zum Tragen, dann tritt er nochmal aufs Gas.) Das macht Spaß, das ist beinahe besser als Schiffschaukel. Also, liebe Leser, fahrt öfters Bus! Denn wie verabschiedete mich neulich ein besonders freundlicher Busfahrer: Ausnahmsweise. Ausnahmsweise öffnete er mir brummelnd die vordere Tür, und ersparte mir damit gnädigerweise die Kletterpartie über die Stehgäste. Klarer Fall von Epikie, also eine Gewissensentscheidung ganz im Sinne Jesu, denn schließlich stand ja auf dem Schild über der Tür eigentlich "Kein Ausgang". Wie gut, dachte ich mir, dass ich auch nur ausnahmsweise busfahre.

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